Geschlechter- und Familienpolitiken 2020
Forderungen an die Bundespolitik

Studie "Kindeswohl und Umgangsrecht"

(PETRA-Studie)

Die Studie "Kindeswohl und Umgangsrecht" (PETRA-Studie) wurde im November 2015 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in Auftrag gegeben.

Das Ziel der Studie sollte die Entwicklung eines Maßstabs sein "für die Gestaltung eines Umgangs, der dem Wohl des Kindes [nach Trennung und Scheidung] bestmöglich entspricht." www.kindeswohl-umgangsrecht.de

Forum Soziale Inklusion e.V. meldet große Bedenken und Zweifel an bezüglich der Anlage der Studie sowie der wissenschaftlichen Aussagekraft.

Begündung:

1) Der Begriff  Kindeswohl  ist inhaltlich nicht definiert. Die Ausrichtung einer Studie an einem derart vagen Begriff wie Kindeswohl entspricht nicht wissenschaftlichen Kriterien, ist fragwürdig und unzulässig.

2) Elternsicht anstelle der Kinderperspektive:                                                                                                                   Das Studienziel nennt formal das Kindeswohl als Maßstab für die zu befragenden Kinder in Trennungsfamilien, verkürzt in der Folge jedoch den Untersuchungsgegenstand auf "Umgangsregelungen" für den zeitlich geringer betreuenden Elternteil.

Für Trennungskinder ist nicht so sehr die Frage nach Umgang mit einem Elternteil wichtig; für sie ist vielmehr die Frage nach gleichberechtigter oder paritätischer Betreuung durch beide Elternteile von Bedeutung: das Erleben von Alltag bei beiden Eltern.

Die Studie ignoriert durch ihren verkürzten Ansatz die Bedürfnisse der Kinder, transportiert dafür einseitig Erwachseneninteressen, in der Regel die des zeitlich mehr betreuendem Elternteils. Eine Themaverfehlung.

3) Die Parameter der Studie werden nicht veröffentlicht.

4) Die Mitglieder des "Wissenschaftlichen Beirats" der Studie werden nicht veröffentlicht.

5) Manipulationen: Das BMFSFJ hat mehrfach während der laufenden Studie die Befragungsparameter zu Lasten von getrennt erziehenden Vätern verändert: Viele Väter durften nicht mehr befragt werden. Dies ist mit wissenschaftlichen Erhebungsansätzen nicht vereinbar.

6) Fehlendes Verständnis für das System Familie:                                                                                                            In der Regel wird bei den Befragungen nur ein Elternteil (der zeitlich mehr betreuende Elternteil) befragt. Die Interviewer verzichten "aus ethischen Gründen" darauf, das Gegenstück, den zeitlich geringer betreuenden Elternteil (i. d. Regel den Vater), zu befragen. Damit wird Familie nicht ganzheitlich oder systemisch verstanden. Die Studie wird auf die Wahrung von Partikularinteressen verkürzt. Eine Themaverfehlung.

7) Die Studie ist nicht darauf ausgelegt, Väter (und Kinder) zu befragen, die vollständigen Kontaktabbruch erlitten haben. Ein (weiterer) Mangel.

Transparenz: Das Themenfeld „Familien nach Trennung“ ist sehr sensibel und im gesellschaftlichen Diskurs mitunter umstritten. Nach unserem Ermessen bedarf es bei Forschungen in diesem Bereich eines Höchstmaßes an Transparenz und offener vertrauensbildender Kommunikation, um möglichen Ängsten, Vorbehalten und Bedenken angemessen zu begegnen.


Forum Soziale Inklusion e.V.  fordert den Neustart der Studie unter folgenden Vorgaben:

Familie als System:                                                                                                                                                      Es sind immer beide Elternteile bezüglich der bestmöglichen Betreuung des Kindes zu befragen.

Betreuung als Ziel:                                                                                                                                                    Das Untersuchungsziel wird die Frage nach der bestmöglichen Betreuung des Kindes sein, nicht die Frage nach Umgangsregelungen.

Hochstrittigkeit:                                                                                                                                                            Gerade Hochstrittigkeit nach Trennungen darf bei der Befragung kein Ausschlusskritierium gegenüber einem Elternteil darstellen. Das Willkür-Element auf Seiten eines Elternteils ist zu minimieren.

Transparenz:                                                                                                                                                               Alle Informationen über Beteiligte (Auftraggeber und Beirat) sowie die Parameter der Untersuchung sind der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es ist in diesem Zusammenhang für größtmögliche Transparenz zu sorgen.